Kolumne November 2026

Bonjour tristesse! – oder: Meine Traurigkeit umarmen …

Ganz ehrlich: Ich mag den November. Diesen seltsamen Monat mit all seinen Gedenktagen. Irgendwo verortet zwischen dem goldenen Herbst und dem Leuchten des Advents. Mit seiner eigenartigen Stimmung, ein wenig Melancholie und dem Schmuddelwetter, das es an manchen Tagen gar nicht richtig hell werden lässt.

Trotzdem …

Ich weiß, dass ich mit dieser Meinung ziemlich alleine stehe. Für viele Menschen ist der November einfach nur grau und trist. Sie würden ihn am liebsten aus dem Kalender streichen. Und wer es sich leisten kann, flüchtet vor dem Novembergrau und tankt irgendwo im Süden noch ein paar Sonnenstrahlen.

Aber ich glaube, dass dieser Monat uns etwas Wichtiges über das Leben beibringen kann. Denn das Leben besteht eben nicht nur aus Sonnentagen. Es gibt Traurigkeit, Angst, Einsamkeit, Kriege in uns und um uns, Krankheit und Sterben. Und da gibt es keine Billigflieger, die uns mal eben in sonnigere Gefilde bringen.

Der November erinnert uns daran, dass auch die dunklen Zeiten zum Leben gehören. Wir müssen nicht immer gut drauf sein. Nicht immer funktionieren. Nicht jede Traurigkeit sofort vertreiben. Manches braucht einfach Zeit. Unsere Energie kann sich auf das „in uns“ konzentrieren:

Trauer zum Beispiel ist auch eine Form unserer Liebe. Sie zeigt, wie viel uns ein Mensch bedeutet hat. Wer Abschied nehmen muss, braucht Raum dafür. Und manchmal wächst gerade in solchen Zeiten etwas Neues in uns: ein anderer Blick auf das Leben, mehr Tiefe, eine neue Hoffnung.

Der November ist aber auch ein Monat des Übergangs: zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Auch das kennen wir: Vertrautes geht zu Ende, Neues ist noch nicht in Sicht. Wir müssen loslassen, ohne schon zu wissen, wie es weitergeht. Das ist nicht immer leicht. Aber nicht jeder Abschied bedeutet Stillstand. Manchmal braucht es gerade diese Zeit dazwischen, damit etwas Neues beginnen kann.

Und schließlich stellt uns der November eine ziemlich ehrliche Frage: Was bleibt eigentlich? Was ist wirklich wichtig, wenn vieles, woran wir hängen, irgendwann vergeht?

Nicht zufällig liegen die großen Gedenktage am Ende des Kirchenjahres: Am Volkstrauertag erinnern wir an die Opfer von Krieg und Gewalt. Am Buß- und Bettag halten wir inne und fragen, was in unserem Leben und in unserer Welt anders werden muss. Und am Ewigkeitssonntag denken wir an die Menschen, die wir verloren haben und die uns fehlen.

Ich lade Sie und euch herzlich ein, diese besonderen Tage miteinander zu begehen. Gemeinsam innezuhalten, sich zu erinnern, zu beten und auf Gottes Trost zu hören. Denn gerade dort, wo wir mit der Traurigkeit unseres Lebens konfrontiert werden, hat unser Glaube etwas Entscheidendes zu sagen:

Wir glauben an einen Gott, der uns die dunklen Zeiten nicht einfach wegwischt. Sondern an einen Gott, der in Jesus Christus selbst in unsere Dunkelheit hineingegangen ist. Der Leid, Tränen und sogar den Tod kennt. Und der uns darin nicht allein lässt.

Deshalb müssen wir den November nicht schönreden. Aber wir müssen auch nicht vor ihm davonlaufen. Wir dürfen unsere Traurigkeit auch mal umarmen, nachdenklich werden, uns erinnern und Abschied nehmen. Und dabei auf Gott vertrauen, der uns durch alle Höhen und Tiefen unseres Lebens trägt.

Und dann, ja dann kommt Ende November der Advent: Wir zünden die erste Kerze an. Dann die zweite. Das Licht wächst. Nicht, weil plötzlich alle Dunkelheit verschwunden wäre. Sondern weil Gott selbst in unsere Dunkelheit kommt. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“, hören wir dann zum Weihnachtsfest vom Propheten Jesaja.

Vielleicht brauchen wir den November gerade deshalb: damit wir neu entdecken, wie kostbar dieses Licht in unserem Leben ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und euch im Namen unseres gesamten Teams eine gesegnete Zeit am Ende des Kirchenjahres und einen hoffnungsvollen Weg in den Advent!

Ihr/euer Pastor Tobias Knöller

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