Kolumne Juli 2026

Richtig sehen,

Jesus fragt den Blinden: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“

Der Blinde antwortet: „Ich will sehen.“
Weiß der Blinde, worum er bittet? Ahnt er, was es bedeutet, die Welt nicht nur zu hören oder zu ertasten? Kann er sich vorstellen, dass das Sehen unmittelbar mit dem Fühlen verbunden ist?
Kann er nachvollziehen, wenn Menschen manchmal sagen:
Ich kann das nicht mehr sehen, ich mag dich nicht mehr sehen.

Sehende sind mit vielen Bildern konfrontiert, die manchmal Angst machen oder auch schlaflose Nächte verursachen: Bilder von bombardierten Städten, von hungernden Menschen, von Naturkatastrophen, von Soldaten in Schützengräben, von langen Schlangen vor Essensausgaben … Diese Bilder zeigen eine Seite des Lebens, die wir freiwillig nicht wählen würden.

Und ja – auch diese Bilder erreichen die Seele der Sehenden: Das erste Lächeln eines Neugeborenen – angekommen in unserer Welt! Der Sonnenuntergang mit Farben, die sich kein Mensch ausdenken kann – und dazu die Fantasie, dass es vielleicht noch ganz andere Welten gibt, das Gesicht des geliebten Menschen – und zu spüren: Wir gehören zusammen.

Ich will sehen, sagt der Blinde – und Jesus heilt ihn.
Der nun Sehende – ich nenne ihn Bartimäus – trifft eine wichtige Entscheidung: Er bleibt in der Nähe von Jesus – und er lernt sehen.
Er sieht, wie Jesus den unbeliebten Zollbeamten in einem Baum entdeckt, wo er ungesehen auf Jesus wartet. Er spricht ihn an: „Heute will ich bei dir Gast sein.“ Und damit ändert sich das Leben dieses Menschen.
Er wird Zeuge, als eine Gruppe von Männern mit Steinen in den Händen da steht, bereit, eine untreue Frau zu töten. Jesus erinnert sie an ihre eigenen Sünden – sie lassen die Steine fallen. Und die Frau bekommt eine neue Chance.
Er sieht Jesus im Gespräch mit einem jungen reichen Mann. Jesus lässt sich auf dessen Fragen ein. Und am Ende muss er ihn gehen lassen, weil er das Entscheidende nicht fertigbringt: sich von seinem Reichtum zu trennen.
Bartimäus sieht, wie Jesus den Menschen begegnet. Und er versteht, dass er sie mit Liebe ansieht.
Mit Liebe sehen: zugewandt, offen, nicht bewertend, großzügig, geduldig, verständnisvoll – eine Möglichkeit, der Welt zu begegnen, so wie sie ist.

Und wir selbst können leben, weil wir mit Liebe gesehen werden.

Bärbel von Busch

Quellen: Markus 10,46–52, Markus 10,17–22, Joh. 8,1–11
Bild (Auge): KI-generiert mit ChatGPT, 2. Juli 2026

Kolumne

"Sehen"